Das Exil und sein Ende von P. Kentenich erzählt *

Einleitung

In sehr dramatischer Weise ging die vierzehnjährige Exilszeit des Gründers im Herbst 1965 zu Ende. Für den Gründer und für die Schönstattfamilie wahrhaftig ein „Wunder der Heiligen Nacht“.
Wenige Tage danach, schon am 3. Januar 1966 erzählte Pater Kentenich von diesen Ereignissen in einer Vortragsreihe für die Schönstatt-Priester der Diözese Münster
Der Vortrag ist deshalb besonders wertvoll, weil er sehr lebendig das Erleben des Gründers selbst wiedergibt. Man wird deshalb beim Lesen Gedankenunterbrechungen, Einschübe und Reflexionen in der Art von Fußnoten gerne in Kauf nehmen. Die kritische Geschichtsforschung wird vielleicht Einzelheiten der Darstellung etwas zurecht rücken. Die Ereignisse hatten sich ja tatsächlich überstürzt und enthielten eine ungeheure Dramatik. Das persönliche Erleben des Gründers, das deutlich sowohl die innere Distanz zu den Ereignissen und den römischen Gegebenheiten wie das persönliche Engagement wiedergibt, behält seinen besonderen Wert und ist in der Darstellung des Grundvorganges absolut gültig.

Pater Kentenichs Darstellung

Wir wurden uns zunächst einmal klar, dass die vierzehn Jahre 1951-1965 eine einzige große Kampfesperiode darstellen. Wir wollen uns nun mit dem Sinn und der Sinnerfüllung dieser verflossenen vierzehn Jahre auseinandersetzen. Wir wissen auch, weshalb diese Kampfesperiode eigens von mir heraufbeschworen worden ist. In dem Zusammenhang wollte ich – weil Sie das wünschten – ein paar Worte sagen über die Audienz beim Papst.

In dieser Kampfesperiode lassen sich leicht zwei Etappen unterscheiden.

[Die erste Etappe des Kampfes: 1951-1963]

Das war ein einziger großer Wirrwarr. Jeder Versuch, in irgendeiner Weise in Rom aufklärend zu wirken und zu entspannen, versagte einfach, Schlag auf Schlag. Ich sagte ja schon: auch wenn hochgestellte Persönlichkeiten sich auf unsere Seite stellten, glückte nichts: kaum hatten sie angefangen, dafür etwas zu tun, hat der Herrgott sie sterben lassen.

Eigentlich war ich ein Neuling in all den Methoden, die in Rom gang und gäbe waren. Ich hatte immer gemeint, man wäre dort genauso erpicht auf Ermittlung der Wahrheit, wie ich persönlich das immer war.

Ich war im Januar 1952 von Rom weggegangen mit einer doppelten Erkenntnis.

Die erste stammt von Prälat Kaas (147). Mit dem war ich etwa seit 1915 befreundet. Er selbst war auch ein Freund des Papstes. Und er teilte mir bei Gelegenheit mit: Pius XII. habe die äußerste Anstrengung gemacht, die römischen Kongregationen zu reformieren, vor allem wohl das Heilige Offizium (148). Der Versuch sei aber absolut missglückt. Es war zum ersten Mal, dass ich so ein wenig hinter die Kulissen schauen durfte.

Die zweite Erkenntnis kam vom damaligen Kardinal Lavitrano, dem Präfekten der Religiosenkongregation. Er war auch ein treuer Freund Schönstatts und hat sich immer für uns eingesetzt. Ich hatte auch Fühlung mit ihm. Damals entbrannte der erste Kampf zwischen der Religiosenkongregation und dem Offizium unseretwegen. Im Mai 1948, verhältnismäßig schnell, sind die Marienschwestern offiziell anerkannt worden. Sie wurden bischöflichen Rechtes. Im selben Jahr sollten wir schon päpstlichen Rechtes werden. Man hat dafür damals einen eigenen Titel gesucht: quasi juris papalis (149).

Dann hat sich das Heilige Offizium eingemischt und protestiert, es wäre nicht gefragt worden. Es geht halt da “oben” genauso zu wie in der Kinderstube. Das wiederholt sich in allen Lagen des Lebens. Das war in Dachau so, das ist überall so: Wo Menschen sind, da menschelt es halt. Kardinal Lavitrano hat sich auch ganz auf unsere Seite geschlagen; und als er anfangen wollte, eine Lanze für uns zu brechen, ist er plötzlich gestorben. Allgemeines Gesetz: Es brauchte also jemand für Schönstatt bloß etwas tun zu wollen, da hatte er das Todesdekret in der Tasche.

Von ihm habe ich dann einen Ausspruch mitgenommen, der sehr tragisch, aber auch vielsagend war: Wenn ich gewusst hätte, wie in Rom mit dem Recht umgegangen wird, hätte ich niemals den Posten als Präfekt der Religiosenkongregation angenommen.

Es sind also zwei Einsichten, die ich mitgenommen habe: auf der einen Seite die starke Reformbedürftigkeit der Kongregationen oder wenigstens der dort angewandten üblichen Methode, und auf der anderen Seite die Art und Weise, wie man mit dem Recht umsprang.

Das hat mir den Gedanken eingeimpft: Jetzt hältst du dich jahrelang zurück und sammelst alles Material, um es früher oder später dem Papst als Informationsmaterial zur Verfügung zu stellen. Natürlich alles für den Fall, dass er tatsächlich ernst machen kann und will mit den Reformbestrebungen der römischen Kurie.

Sie dürfen sich nicht vorstellen, als wäre ich im Hintergrunde gesessen und hätte von Tuten und Blasen keine Ahnung gehabt. Alles, was in irgendeiner Weise Schönstatt anging, kam immer unmittelbar an meine Adresse. Und das habe ich alles verarbeitet. Eine ganze Bibliothek habe ich in Milwaukee zusammengeschrieben. (150) Das sind dann immer Stellungnahmen gewesen zu allen einschlägigen Fragen des kirchlichen Lebens, ob es sich handelte um die Politik, ob es sich handelte um Dogmatik oder um Pädagogik.

Das ging so bis zum Jahre 1959. Da wird mir auf einmal klar: Jetzt musst du dich wehren. Jetzt musst du dich auseinandersetzen mit den Hauptgegnern. Das waren zunächst die beiden Visitatoren, der bischöfliche Visitator und der apostolische Visitator, und der General der Pallottiner.

Es war ja ein großer Unterschied zwischen den beiden Generälen der Pallottiner: Der vorhergehende General der Pallottiner, Pater Turowski (151), hat seine eigene Ehre aufs Spiel gesetzt und sich bis zum äußersten gewehrt gegen Pater Tromp (152) und alles, was er unternahm. Er hat auch den Mut gehabt, eine Eingabe an das Heilige Offizium zu machen. Darin brachte er seine Überzeugung zum Ausdruck: Pater Tromp möge wohl ein guter Fachmann in der Apologetik sein, aber in den Dingen, um die es jetzt ging, wüsste er wohl kaum genügend Bescheid. Deswegen machte er den Vorschlag, einen zweiten Visitator zu ernennen. Er hat das Kardinal Ottaviani, dem Präfekt des Heiligen Offiziums, vorgetragen. Dieser hat zwar Ja gesagt, aber hat nichts getan.

Also fasste ich kurz den Plan, mich jetzt zuerst mit den Dreien wissenschaftlich auseinanderzusetzen. In den Dingen, in denen wir einig würden, sollte dann Friede herrschen. Wo aber noch Differenzen wären, wollte ich mich an den Papst wenden und dann einen sehr strengen juristischen Prozess anstrengen. Es hat sich also nie darum gehandelt, einen Gnadenerlass zu erwirken. Das Ziel war immer, eine regelrechte vollkommene juristische Rehabilitation.

Ich habe dann angefangen, mich zunächst mit Trier auseinanderzusetzen. Im Anschluss an Newman habe ich eine kleine Schrift verfasst. Sie wissen vielleicht, dass er sich selbst auch einmal gerechtfertigt hat mit einer Schrift unter dem Titel: Apologia pro vita sua. Ich habe meine Schrift dann betitelt: Apologia pro vita mea. (153)

Wo es sich um rechtliche Dinge handelt, ist das bei mir immer messerscharf. Wohl habe ich menschlich gegen niemanden etwas. Und weil die Dinge damals so auf des Messers Schneide waren – ich durfte ja mit keinem Schönstattpriester verkehren -, habe ich an Bischof Michael Keller von Münster, also den Vorgänger des jetzigen Bischofs geschrieben. Der sollte das einmal lesen und mir dann seine Meinung mitteilen, ob es denn jetzt wohl an der Zeit wäre, in dieser Weise die Initiative zu ergreifen. Und die Antwort: Dazu wolle er sich nicht äußern; er würde mir nur raten, mich überhaupt um diese Dinge nicht zu kümmern. Das Heilige Offizium wolle mich ja total ausschalten.

Darauf meine Antwort: Es handelt sich doch hier um ein Naturrecht! Auch das Heilige Offizium hat kein Recht, das Naturrecht zu verletzen. Niemand habe das Recht, jemanden zu verleumden. Ich handle also durchaus nicht gegen eine Bestimmung. Ich gehe nicht gegen Dekrete an, sondern verteidige mich nur gegen Verleumdungen.

Trotzdem habe ich gedacht: Warte ein wenig, bis die Situation vielleicht günstiger wird. Ich habe also die Apologia nicht abgeschickt.

Dann ein Zweites: Ich habe mich mit dem Pater General Möhler auseinandergesetzt, der an sich der Hauptexponent aller Anklagen gegen mich war. Ich mag das jetzt nicht auseinandersetzen, um nicht auf jemand ein übles Licht fallen zu lassen. Der Brief ist geschrieben am 31. Oktober 1961. Er wird einmal Geschichte machen! Darin ist wieder messerscharf alles auseinandergesetzt; letzte Zusammenhänge sind dargestellt. Der Brief sollte – so war meine Absicht – an das Heilige Offizium weitergegeben werden. Das habe ich all die Jahre hindurch so getan: Wohl habe ich Schriftstücke an den General adressiert, aber die eigentliche Adresse sollte das Offizium sein. Wenn Sie den Brief einmal lesen, werden Sie sich nicht mehr wundern, weshalb das Heilige Offizium verletzt war bis ins Mark.

Die Reaktion: Das Offizium hat seine ganze Macht zusammengeballt und nach allen Richtungen ausgeschlagen. Unser armer Josef Schmitz (154) wurde seines Amtes enthoben. Auch Prälat Roth (155) wurde abgesetzt. Und all die anderen Versuche, die damals gemacht wurden, etwa gegen das Familienwerk. Mir persönlich hat man eine Kirchenstrafe zudiktiert. Das ging Schlag auf Schlag. Die Begründung für die Kirchenstrafe bestand darin: Ungehorsam und Ehrfurchtslosigkeit gegen die kirchliche Autorität.

Nebenbei gesagt: Das ist von mir aus bewusst eine Zentralaufgabe gewesen, den richtigen Gehorsam nicht nur zu lehren, sondern auch gegenüber dem Offizium zu tätigen. Es ist die Gehorsamsauffassung, die gegenwärtig durch das Konzil legitimiert worden ist. Was bedeutet das „Sentire cum ecclesia“? Man muss fühlen mit den jeweiligen Wünschen der Kirche, mit der jeweiligen Auffassung der Kirche. Bis zum Konzil hat die Kirche sich seit Jahrhunderten primär als eine societas externa aufgefasst, nicht selten nach Art des bürgerlichen Rechtes, ja nach Art einer militärischen Organisation. Sentire cum ecclesia bedeutete deswegen bis dahin, einen militärischen Gehorsam zu praktizieren. Nachdem nun aber die Kirche sich selber neu versteht als Volk, als Familie Gottes, was verlangt dann das Sentire cum ecclesia? Eine andere Art des Gehorsams, einen familienhaften Gehorsam! Das ist der Gehorsam, der mir persönlich immer als hohes Ideal vorgeschwebt hat. Und ein familienhafter Gehorsam verlangt ein ganz großes Maß an Freimut! Sorgen müssen wir, dass ein mündiger Gehorsam getätigt wird, der familienhafte Gehorsam.

Ich habe dann dargestellt, und zwar sehr klar und eindeutig, dass der von mir getätigte Gehorsam moraltheologisch exakt, aszetisch hochwertig und strategisch vorbildlich sei. Also genau das Gegenteil von der Auffassung des Heiligen Offiziums. Es ging immer hart auf hart. Und zwar war das von mir sehr bewusst gewollt: eine ausgesprochene Idee, die ich bewusst vertreten habe. Wie auch in all den anderen Dingen hat es sich darum gedreht, die Kirche am anderen Ufer nach all den Richtungen vorzuleben, so wie das jetzt gegenwärtig durch das Konzil in gewissem Sinne offiziell anerkannt worden ist.

Worin die Kirchenstrafe bestand? Drei Tage nicht zelebrieren und dann Exerzitien machen. Nun ja, das bedeutet an sich nicht viel. Ich habe das nicht so bedenklich gefunden und habe mir gedacht: Warte damit, du hast jetzt augenblicklich Wichtigeres zu tun. Es kam dann sehr bald die Mahnung, es wär‘ höchste Zeit, dass ich die Kirchenstrafe erfüllte. Ich hab‘ das dann getan. Dann aber, nachdem ich es getan, habe ich durch den General der Pallottiner den Inhalt meiner Betrachtungen an das Heilige Offizium geschickt. Und der Inhalt der Betrachtung bestand darin: die ganze Geschichte Schönstatts habe ich dargestellt mit der entsprechenden wissenschaftlichen Deutung. Also unverfroren bis zum äußersten.

Ja, und was nun? Nun habe ich mir so gedacht: nachdem ich die Dinge langsam auf mich wirken ließ, stellt sich mir die große Frage: Hat es überhaupt einen Sinn, den Weg weiter zu beschreiten? Inzwischen ist mir klar geworden – da ich auch stark in die Hintergründe hineinschauen durfte -, wie wenig der Papst eigentlich eigenständig handeln kann, wie stark er ja auch im Großen und Ganzen selber der Gefesselte seiner Umgebung ist. Ich habe mir dann so gedacht: das Gesetz der geöffneten Türe wird nunmehr zum Gesetze der geschlossenen Türe. Ich habe mir dann gesagt: Am besten ist es, du wartest jetzt noch ein wenig, bis das bereits angesagte Konzil tatsächlich historische Wirklichkeit wird. Du erwartest dann vom Konzil eine Rechtfertigung deiner selbst und eine Rechtfertigung deiner Theorien, deiner Lehren.

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Kentenich Reader

Wertvolle Originaltexte von Pater Kentenich, die uns einladen, seinen prophetischen Geist für die Kirche der neuen Ufer zu vertiefen

[Die zweite Etappe: das 2.Vatikanische Konzil]

Das Konzil kommt. Es ist tatsächlich so, im Wesentlichen hat das Konzil sich uns gleichgeschaltet. Ja, wir gehen in vielen Dingen sogar bedeutend weiter als das Konzil.

Wenn wir nun sprechen von einer nach- und einer vorkonziliaren Sendung der Kirche, dann haben wir Grund zu sagen: Die nachkonziliare Sendung der Kirche war für uns bereits die vorkonziliare Sendung der Familie! Wenn wir trotzdem sagen, wir wollten uns der nachkonziliaren Sendung der Kirche gleichschalten, dann ist das auch insofern wahr, dass die Kirche nunmehr sich durch das Konzil in den wesentlichsten Fragen uns gleichgeschaltet hat. Nachkonziliar dürfen wir darum unsere Sendung deswegen nennen, weil die Kirche in gleicher Weise sich selber auffasst, wie wir die Kirche immer aufgefasst haben. Der große Unterschied zwischen damals und heute besteht nun darin, dass wenigstens grundsätzlich die gegenteiligen Auffassungen des Episkopats von der Kirche entfernt sind. Grundsätzlich ist es dieselbe Grundeinstellung.

An sich wäre es der Mühe wert, von hier aus nun Licht fallen zu lassen auf die zentralste Auffassung oder die zentralste Sendung der heutigen Kirche. Ich habe sonst in der Zwischenzeit des Öfteren sagen dürfen: Wo das Konzil aufgehört hat, hätte es eigentlich anfangen sollen. Was das besagt? Das Konzil hat gestockt, wo es sich um die Zentralfrage handelt, die die heutige Kirche zu lösen hat: um das Verhältnis zwischen Kirche und Welt. Da hat das Konzil selber bekannt, es sei jetzt noch nicht vorbereitet, diese Frage in Angriff zu nehmen; und hat sich darum begnügt mit allgemeinen Hinweisen.

Was ich nun erwartet hatte, das ist tatsächlich eingetreten.
Obwohl das Offizium beschlossen hatte, mich wieder nach Milwaukee zurückzuschicken, hat es nachher diese Bestimmung geändert. Auch der Papst wollte mich wieder zurückschicken. Sie können sich gar nicht vorstellen, was das für ein Durcheinander war: in ganz Rom, in allen Kreisen bis ganz oben hin.

Das hatte natürlich einen großen Vorteil, wie überhaupt die ganze Auseinandersetzung unter anderem den Vorteil gehabt hat: Wir sind bekannt geworden in der ganzen Welt wie ein bunter Hund. Nicht nur, dass man mich in Rom nachher in Ruhe gelassen hat, sondern ich habe Besuch auf Besuch bekommen von allen möglichen Kardinälen, von allen möglichen Bischöfen. Also eine total andere Atmosphäre.

Nachdem alle durcheinander waren – die Religiosenkongregation, das Offizium, soundso viele Kardinäle bis zum Papst – war es naturgemäß: jetzt hat sich alle Welt mit uns befasst. Also ich wüsste kein anderes Mittel, keinen Weg, der uns so schnell in der ganzen Welt bekannt gemacht hätte.

Dazu kam: Nachdem nun bekannt wurde, was das Offizium und der Papst vorhatten, begann eine ganz lange wissenschaftliche und konkrete Auseinandersetzung. Auch Gegenströmungen sind wach geworden. Es sollte eine neue Plenarsitzung des Offiziums stattfinden. Und eine ganze Menge ausländischer Bischöfe haben sich dann bemüht, mit den Vätern, die Sitz und Stimme in der Plenarversammlung des Offiziums hatten, privatim zu sprechen. Da wurde aufgeklärt und aufgeklärt und aufgeklärt. Und das Resultat? Was man nicht erwarten konnte, geschah am 20. Oktober: Alle Dekrete gegen P. Kentenich sind aufgehoben; mit der eigenartigen Begründung: Da ich die Absicht hätte, in das neue Institut einzutreten, hätte man sich mit der ganzen Lage noch einmal beschäftigt und beschlossen, alle Dekrete aufzuheben. Nun stellen Sie sich das einmal vor: Ich habe selber gar keinen Finger geregt, da sind radikal alle Dekrete aufgelöst!

Um das zu verstehen, müsste ich eigentlich etwas vorausschicken. Inzwischen hatte sich in Rom, zumal im Offizium, eine total entgegengesetzte Auffassung durchgesetzt, Bisher: eisern hart. Immer war wiederholt worden: es ist gar nicht daran zu denken, dass ich jemals wieder nach Deutschland zurückkehren dürfe oder irgendwie rehabilitiert würde. Jetzt hatte sich eine ganz entgegengesetzte Auffassung durchgesetzt. Kardinal Bea (156) sollte im Auftrag des Offiziums, also offiziell, mit mir verhandeln. Und er hat auch verhandelt. Seine Grundeinstellung war: Sie wären nie von der Kirche verstanden worden, wenn das Konzil nicht gekommen wäre. Also das ist offiziell ein Beweis dafür: das Konzil hat alle die Dinge, die bei uns gang und gäbe sind, zu seinen eigenen gemacht; es hat also im Wesentlichen die Dinge anerkannt, die auch wir von Anfang an gelehrt, und um derentwillen ich bewusst den harten Kampf vom Zaune gebrochen hatte.

Was ich jetzt sagen wollte, ist folgendes: Sie haben gehört, wie kurz vorher auch Pater Menningen vom Offizium rehabilitiert wurde. Seine Rehabilitierung war einfacher, denn er ist nicht durch eine Plenarsitzung des Heiligen Offiziums seines Amtes enthoben worden, sondern durch eine einfache Verfügung und er war keineswegs verbannt.

Bei mir war das natürlich schwieriger. Ich mag Ihnen jetzt nicht auseinandersetzen, wie die totale Umstellung gekommen ist.

Wohl mag ich daran erinnern, dass nach diesem Umschwung die Gesellschaft der Pallottiner total aus den Wolken gefallen ist. Sie müssen sich vorstellen, wie die Gesellschaft, die sich immer mit dem Offizium identisch und durch das Offizium geschützt und legitimiert fühlte, nun urplötzlich erleben musste: das Offizium denkt und arbeitet auf einmal total in entgegengesetzter Weise.

Diese Art, wie Pater Menningen schnell vom Offizium behandelt wurde, sollte sich auch auf meinen Fall übertragen. Das sollte aber erst im Oktober geschehen, weil der Privatsekretär von Kardinal Ottaviani in Ferien war und erst Anfang Oktober zurückkam. Nachdem ich das alles wusste, was man in Rom vorhatte, mögen Sie verstehen dass ich mich zunächst wunderte, als das Telegramm am 13. September kam. So musste ich mir natürlich denken: Na ja, alles ist also um einen Monat verschoben.

Ich weiß nicht, ob Sie die Telegrammgeschichte kennen. Ist auch einstweilen noch ein Geheimnis. Ich will sie Ihnen aber später einmal genauer aufdecken. Es genügt hier, dass Sie so allgemeine Umrisse sehen. Das Telegramm war sehr eindeutig: Im Namen des Generals sollte ich sofort nach Rom kommen. Unterschrift: Burggraf. Es stand da: sofort. Weil das Wort „sofort“ dastand und weil die in Rom ständig an meinem Gehorsamsbegriff herummäkelten, dachte ich mir so ganz instinktiv: Halt, im Telegramm heißt es „immediately“, unmittelbar. Du musst also sorgen, dass es unmittelbar geschieht. Denn sonst heißt es wieder: Wehe deinem Gehorsam!

Darum habe ich einerseits die Telefonistin gebeten, sie sollten mir das Telegramm zuschicken. Dies wurde mir zugesagt. Als sie ansagte es sei für mich ein Telegramm angekommen, habe ich noch einen Scherz gemacht. Wenn sonst ein Telegramm in Deutsch kam, hatten die Amerikaner natürlich schreckliche Not, das im Deutschen wiederzugeben; sie haben es dann buchstabiert. Ich machte also einen Scherz: das wird jetzt eine schöne Geschichte, wenn Sie buchstabieren müssen. Ne, sagt sie, das Telegramm ist in Englisch gekommen. Dann habe ich eigens noch gesagt: Also bitte, das jetzt zuschicken! Frage auf der anderen Seite: Ist die Adresse richtig? Ja, die ist richtig.

Weshalb „unmittelbar“? Wie gesagt, das „unmittelbar“ klang mir in den Ohren, sonst hätte ich gar nicht einmal diese Forderung gestellt mir das Telegramm zuzusenden. Damals ist es bei mir öfter vorgekommen, dass ein Telegramm durchgesagt, aber nachher der Text nicht geschickt wurde. „Unmittelbar“ – ich habe dann sofort an die Provinzialoberinnen unserer ausländischen Provinzen ein Telegramm schicken lassen. Denen hatte ich versprochen, ehe ich wieder nach Europa fahre, wollte ich sie besuchen. Aber damit nachher nicht wieder das „unmittelbar“ von mir übersehen würde, musste ich absagen.

Ich komme dann nach Rom ins Generalat und meine, jetzt würde ich so oder so empfangen. Dort haben sie Mund und Nase aufgesperrt: Wir haben kein Telegramm geschickt! Kein Telegramm! Erst hab‘ ich mir noch gesagt: Ja, ums Himmels willen, die spielen, das ist eine Mimik! Das ist so: wenn man ständig im Kampfe ist, dann macht man nachher hinter alles ein Fragezeichen. Aber das klang dann so ehrlich, dass ich trotzdem annehmen musste, sie haben tatsächlich keins geschickt.

Gleichzeitig ist aber in Milwaukee auch ein zweites Telegramm angekommen, auch von Rom, auch von Rom unterzeichnet und auch von Pater Burggraf. Und der zweite Teil des Telegramms war wortwörtlich derselbe. Nur der erste Teil war anders: der Pater Bernardino Trevisan der soll „unmittelbar“ – also nicht zuerst zu mir nach Milwaukee – nach Rom kommen.

Jetzt, welches Telegramm war richtig? Für mich war klar: im Telegramm, das ich bekommen habe, steht “unmittelbar”. Also fährst du sofort. Hab‘ nur ganz kurz meine sieben Sachen gepackt, um nur ja nicht wieder als ungehorsam verschrien zu werden. So stehe ich dann auf einmal in Rom! Nun können Sie sich vorstellen, wie alle Kopf standen!

Jetzt die Frage: Woher kommt das Telegramm? Natürlich zunächst der Verdacht, es sei von mir selber inszeniert worden. Oder aber, meine Freunde hätten das getan. So ging das hin und her. Der Papst wäre gar der Meinung – er hat später darauf rekurriert -, ich wäre so elektrisiert gewesen, als das Telegramm gekommen sei, dass ich überhaupt gar nicht nachgeprüft hätte, sondern einfach blindlings drauflosgerannt wäre, um wieder aus der Gefangenschaft zu kommen. Gar kein Gedanke daran! Ich hab‘ diesen Dingen so souverän gegenübergestanden, dass mich das überhaupt nicht berührt hat. Also gar kein Gedanke!

Es ist natürlich ein Geheimnis um das Telegramm, ist es wirklich. Das will ich Ihnen später einmal aufschließen.

Also so ging das hin und her.

Außerdem: von dem Sekretär des Kardinals Ottaviani kam ein Brief. Ein anderer Brief ist von der offiziellen Stelle des Offiziums gekommen. Und diese offizielle Stelle hat mich ermuntert, ich sollte eingeben, was ich gerne dem Offizium vorlegen wollte. Sie merken, wie romanhaft das alles ist. Einerseits sollte die Angelegenheit privat geregelt werden: ich soll mich nicht offiziell ans Offizium wenden, Ottaviani wolle das privatim machen. Jetzt auf der anderen Seite wieder von der offiziellen Stelle die Aufforderung: ich sollte das eingeben, was ich jetzt dem Offizium vorlegen wollte.

Es waren nur noch zwei Einwürfe übrig geblieben von all dem anderen Rummel.

Ja, wenn Sie das später einmal sehen würden, was das ein Wust von Dekreten war, die ich im Laufe meiner Zeit in Milwaukee erhalten habe! Das ist immer so gewesen: Wenn das betreffende Dekret ein Loch ließ – ich weiß nicht, ob Sie das verstehen -, dann wäre ich mir wie ein Schurke vorgekommen, wenn ich das Loch nicht benutzt hätte. Meine Auslegung war ja moraltheologisch exakt. Ich hab‘ mir immer gesagt: Die in Rom kennen die Gesetze der Interpretation, ich kenn‘ die Gesetze ja auch. Wenn die etwas anderes wollen, müssen sie das explizit sagen. Freilich, meine Gegner, zumal in der Gesellschaft – haben dann immer wieder darauf hingewiesen, ich wär‘ durch ein Loch durchgeschlüpft. Da wurde das Loch wieder gestopft. Das ging endlos so weiter. Immer ist ein Löchlein übrig geblieben, und ich habe jedes Löchlein ausgenutzt.

Sicher, dazu hat ein ungeheurer Mut gehört; denn ich wusste – das hatte ich auf meinen Weltreisen erfahren -, wie sogar die höchsten kirchlichen Autoritäten zitterten, wenn das Offizium sprach.

Ich muss deswegen noch einmal wiederholen – das klingt zwar scherzhaft, war aber sehr ernst -: Es war für mich so klar: du musst jetzt den Beweis liefern, wie man auch dem Offizium gegenüber bei aller Ehrfurcht, Folgsamkeit und Schmiegsamkeit unter allen Umständen freimütig bleibt.

Als später der Kardinal Frings von Köln im Konzil den Kampf geritten hat gegen Ottaviani, da habe ich damals niedergeschrieben und das auch weitergeschickt: Wenn der Kardinal von Köln, wenn überhaupt der Gesamtepiskopat dem Offizium gegenüber freimütiger gewesen wäre, dann wäre eine Reform des Offiziums nicht notwendig, dann wäre auch dieser Ritt vor der Öffentlichkeit nicht notwendig gewesen. Ich sag‘ Ihnen das bloß so nüchtern, dass Sie sehen: das war immer eine ganz klare Linie die ich verfolgt habe. Und immer unerschütterliche Unerschrockenheit.

Jetzt zurück zu den beiden Anklagen, die geblieben sind.

Also zuerst die Frage: Wie steht’s mit meinem Gehorsam? Lässt er sich rechtfertigen?

Und dann das Zweite: Wie steht es mit meiner Stellung zum Charisma? Also die Anklage, ich hätte behauptet und würde mich berufen auf mein Charisma gegenüber der amtlichen Autorität. Das habe ich niemals in meinem Leben getan. Da werden Sie nie einen Text von mir finden, der etwas von meinem Charisma sagt.

Den Vorwurf hatte sich auch der Papst Paul VI. zu eigen gemacht laut Aussagen zwei Bischöfen gegenüber.

Sie können sich das vielleicht nicht vorstellen, wie viele Bischöfe der ganzen Welt in Schönstatt eingeweiht worden sind. Wir sind so publik geworden! Und wie viele mich nachher besucht und sich sofort ganz auf meine Seite gestellt haben, aber ohne dass ich irgendwie etwas getan oder gesagt oder mich gerechtfertigt habe.

Ja, der Papst hatte damals privatim erst dem Kardinal Silva von Santiago de Chile, und dann Bischof Manziana – ein Freund von ihm, den er zum Bischof gemacht hat – gesagt: Das wäre alles gut und recht, aber man müsste auch schauen, dass das Charisma sich dem Amte unterwürfe. Er hat nicht direkt gesagt aber wohl gemeint: das wäre ein Fehler von mir.

Jedenfalls, das waren die beiden einzigen restlichen Vorwürfe, die noch geblieben waren.

Ich habe mich dann darauf vorbereitet, habe auch einiges Material mitgebracht, wenn auch verzweifelt wenig. Ich hab‘ mir gedacht: Nun ja, was willst du das Zeug alles mitnehmen? Meine ganze niedergeschriebene und vervielfältigte Bibliothek habe ich in Milwaukee gelassen. Aber all die Dinge, die in Rom zur Diskussion standen, die sollten jetzt ja gelöst werden! Und ich hatte mich darauf eingestellt: das gibt jetzt eine große Auseinandersetzung, zunächst privat mit Ottaviani und dann mit der Plenarkonferenz des Offiziums.

Erinnern Sie sich bitte an die beiden Daten. Das war also vorgesehen für Anfang Oktober. Jetzt kommt Anfang September das Telegramm. Und nun findet urplötzlich die Konferenz am 20. Oktober statt. Und das Resultat? Ich bin ein vollständig freier Vogel! Gar keine Auseinandersetzung mehr! Gar keine Überlegung: Wie ist das mit dem Gehorsam? Wie ist das mit dem Charisma? Sie merken, das sind ja die zentralen Fragen, die auf dem Konzil behandelt worden sind. Also keine Fragen, die aus der Luft gegriffen waren. Es waren genau die zentralen Fragen. Das Resultat: alle Dekrete sind aufgehoben, alle!

Und wann hat der Papst das Dokument unterschrieben? Am 22. Oktober. Genau an dem Tage, an dem ich 1951 Schönstatt verlassen habe und in die Verbannung gegangen bin.

Jetzt habe ich Ihnen gesagt, dass offensichtlich eine unverständliche Wandlung im Denken und Empfinden der obersten Stellen eingetreten ist. Einer von den Sekretären, der nachher als Erzbischof Konsultor der Religiosenkongregation geworden ist, hat sodann bekannt: Niemand im Offizium glaubt überhaupt noch an die Anklagen. Also keine Anklage ist mehr da. Und dafür vierzehn Jahre Verbannung! Am 22. Oktober 1951 in die Verbannung, und nun am 22. Oktober 1965 alles aufgehoben!

Das ging nun weiter. Jetzt bin ich also der Religiosenkongregation unterstellt. Sie haben ja gehört, mit welcher Begründung die vollständige Aufhebung der Dekrete getätigt worden ist: weil ich übertreten wollte in die neue pars motrix. Eigenartigerweise hat der Pater General Möhler gemeint, er wär‘ aber sehr enttäuscht, dass ich zum neuen Institut gehen wollte. Können Sie sich vorstellen, wie man da enttäuscht sein kann? Es war das ja für mich das Selbstverständlichste von der Welt.

Die Religiosenkongregation hat sich sofort total umgestellt. Sie war bis zum äußersten freundschaftlich. Sie hatte nur ein Bedenken – das hat man aber nicht in das Dekret geschrieben, sondern nur mündlich mitgeteilt -: ich solle einstweilen vorsichtig sein, nach Deutschland zu fahren. Der taktische Grund dafür? Sie müssen sich daran erinnern, dass der gesamte deutsche Episkopat mich ja mitverbannt hatte, doppelt Trier. Sie ahnen, was von Trier alles ausgegangen ist. Also nur ein taktischer Grund. Sie müssen sich das etwa vorstellen wie damals, als Noah aus der Arche kam. Bevor er herauskam, hat er erst ein paar Tauben herausgeschickt, um zu sehen, ob die Tauben draußen blieben. So war das auch jetzt ein Versuch. Die Taube, die durfte ausfliegen, um zu sehen, wie die Reaktion der deutschen Bischöfe ist.

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Audienz Pater Kentenichs bei Papst Paul VI.

  1. Dezember 1965

[Die Audienz bei Papst Paul VI.]

Nun, ich wollte Ihnen ja etwas erzählen von der Papst-Audienz! Alles, was ich bis jetzt gesagt habe, ist nur eine Vorbereitung darauf. Ich selber hatte wohl die Absicht, eine Privataudienz beim Papst zu erhalten. Aber jetzt noch nicht, denn es war ja alles normal gelaufen, nicht? Eine Audienz hatte für mich nur einen Sinn, wenn damit eine grundsätzliche Auseinandersetzung verbunden wäre. Aber all die genannten und viele andere Stellen – auch das Staatssekretariat -, die mich vorher verbannt und verteufelt hatten – hatten jetzt ein gewaltiges Interesse daran: ich müsste eine Audienz beim Papst haben! Ich wollte es an sich gar nicht, wie ich überhaupt, weder im ersten noch im zweiten Falle einen Finger gerührt habe. Es ist also ohne meinen Willen – ich will nicht sagen: gegen meinen Willen – geschehen. Dadurch ist offensichtlich, dass andere Mächte am Wirken gewesen sind. Menschlich greifbare Mächte, zweifellos, aber auch göttliche Mächte waren am Wirken!

Nun hatte man folgendes ausgeklügelt. Wegen der Situation in Rom hieß es: Unmöglich kann der Papst vor dem 29. Dezember eine Privataudienz geben. Da sind noch so viele Kardinäle und Bischöfe, die vor Antritt ihrer Heimreise noch einmal zum Papst müssen.

Dann – es war am 22. Dezember – heißt es: Audienz beim Papst! Alle Instanzen hatten sich bemüht um eine solche Audienz. Allerdings das einzige, was möglich war: keine Privataudienz, sondern eine Partikularaudienz. Sie sind wahrscheinlich genauso wenig über alle diese Geheimnisse orientiert wie ich bisher. Es ist eine Welt für sich, wie die diplomatische Welt eine andersgeartete Welt ist als die Welt, die wir kennen; eine Welt mit eigenen Gesetzen, Gewichten und Maßstäben.

Also am 22. Dezember trotzdem eine Audienz. Es gibt eine Massenaudienz, eine Privataudienz – da ist man privatim beim Papst -, eine Spezialaudienz – das ist dann ein größerer oder kleinerer Kreis, der dann nachher Audienz hat – und dann eine Partikularaudienz. Das einzig Mögliche war in dem Falle für mich eine Partikularaudienz.

Im Hintergrunde stand der Gedanke der Religiosenkongregation: an Weihnachten können wir abtasten, wie der Episkopat reagiert, wenn die Taube hinüberfliegt.

Also Sie merken: Wohlwollen über Wohlwollen. Es ist also nicht so, als wenn da ein x-beliebiger Verbannter oder Verbrecher dastünde. Das einzige, was in der Situation möglich war, war eine Partikularaudienz. Zunächst wusste ich nicht, was das ist und wie sich die vollzieht. So habe mich darauf eingestellt, mal alles mitzumachen, was die andern tun. Wir kommen dann im Audienzsaal zusammen. Ich hatte damit gerechnet, es sei eine kleine Anzahl. Ich schätze aber, wir waren so fünfundsiebzig. Partikularaudienz ist eine Audienz für Männer und Frauen die sich um die Kirche verdient gemacht haben und eine besondere Anerkennung des Papstes verdienen. Sehen Sie, dazu gehört jetzt der bisherige „Verbrecher“.

Wie sich die Audienz nun weiter vollzog – ich will die Einzelheiten nicht genau beschreiben. Ich hatte einen Platz vorne in den ersten Reihen. Sie müssen sich vorstellen, das Zeremoniell ist genau vorgeschrieben. Platz in den ersten Reihen. Kaum steh ich da, da kommt einer von den Ordnungsmännern zu mir und bittet mich, ich sollte an den Schluss gehen. Also heraus aus der Reihe! Hab‘ mich dann nebenan wieder hingesetzt. Kaum sitze ich, da kommt einer von den Prälaten, die den Thron umstehen – Prälat Wüstenberg, den kannte ich nämlich -, begrüßt mich feierlich und fragt mich, wie es mir ginge und dergleichen mehr. Also da ist das offizielle Zeremoniell total durchbrochen worden. Da sag‘ ich ihm: ich soll an den Schluss. Ja, sagt er, das ist deswegen: der Papst will Ihnen etwas Besonderes, Privates sagen. Und er fügt dann bei: weil der Papst das Deutsche nicht so beherrscht, möchte er das wohl in Latein tun. Es dauert nicht sehr lange, da kommt der andere Herr, den Sie wohl auch auf der Fotografie sehen, Tacoli, der Kammerdiener, der unter drei Päpsten ständig den Papst über uns orientiert hatte. Es waren eine ganze Anzahl – auch der Nuntius Bafile von hier – was hat der ungemein viel für uns getan! Das ist eine Welt für sich. Ohne dass die Maschinerie der Diplomatie im Hintergrunde stark in Bewegung gesetzt worden wäre, wäre menschlich gesprochen das alles nicht möglich geworden. Und dabei dürfen Sie nicht übersehen: von mir aus habe ich nie einen Finger gerührt für diese Dinge. Dafür war mein Denken zu gradlinig. Hab‘ das nicht verhindert, habe es aber auch nie gefördert.

Also gut, das geht jetzt hintereinander, sehr einfach und ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte. Die einzelnen treten vor den Thron, knien sich hin, küssen den Ring, bekommen den Segen und können wieder gehen. Wohl kam es vor, wo mehrere eine kleine Gruppe bildeten – offenbar eine dominikanische Gemeinschaft von vier oder sechs – die knieten sich zusammen hin, und das dauerte dann wohl ein wenig. Da ein Wort oder da ein Wort. Es ging also rasend schnell: eins, zwei, drei, ein freundliches Gesicht gemacht hüben und drüben, den Segen empfangen, auch wieder freundliche Gesichter hüben und drüben, dann war Schluss der Vorstellung. Das war dann die feierliche Anerkennung für Verdienste um die Kirche.

Dann sind sie alle rausgegangen. Am Schluss war ich noch ganz alleine da, mitten in dem großen Saal. Der Papst sitzt da. Um den Papst herum seine Chargen, die dabei waren, teils um nötigenfalls zu übersetzen, teils natürlich um auch die Feierlichkeit zu erhöhen. Ich knie mich, küsse den Ring. Dann steh‘ ich da – haben Sie ja noch in Erinnerung – mit dem Köfferchen in der Hand. Das sehen Sie im Foto. Zwar nicht sehr geknickt und auch nicht sehr zermürbt, sondern so, wie ich halt bin, nicht?, so ungeniert. Auch die Fotografie hat deswegen eine besondere Bedeutung, weil sie keine offizielle Aufnahme war. Soweit ich das weiß, steht der Papst gewöhnlich in Positur da und die andern auch in Positur. Das Foto ist also so ganz ursprünglich aufgenommen.

Ich finde das Bild sehr schön, wenn man es auf sich wirken lässt. Wenn man die Hintergründe kennt, dann ist das tatsächlich ein ganz origineller Abschluss einer ungeheuer starken, spannungsreichen, gefährlichen Kampfesepoche.

Ich darf noch einmal darauf hinweisen, wieviel im Laufe der Jahre gebetet worden ist, damit der Papst eine Schönstattvision – das ist ein technischer Ausdruck -, eine Schönstattschau bekäme. Die hat er bekommen! Die Audienz ist also tatsächlich die Erhörung ungezählt vieler Gebete seit Jahrzehnten.

Der Papst fragt mich dann ganz freundschaftlich: In welcher Sprache? Antwort: auf Lateinisch, nicht? Erstens hatte ich mich darauf eingestellt; dann zweitens war es ja selbstverständlich, weil er sich schwer tat im Deutschen. Aber ich wusste ja gar nicht, was jetzt folgte. Da dreht er sich um und lässt sich einen verhältnismäßig langen Zettel in die Hand drücken. Sie sehen auf dem Foto ja den Zettel. Deutsch! Er hat das dann ganz feierlich vorgelesen, als wenn es eine Enzyklika wäre.. Ich stehe da und höre still zu. Wenn ich Ihnen aber etwas wiedergeben sollte, könnte ich Ihnen verzweifelt wenig sagen. Wissen Sie, weshalb? Es war eine einzige Lobrede. Sie müssen sich vorstellen, wie wenig empfänglich ich heute für Lobreden bin. Aber immerhin, es kam mir dann doch zum Bewusstsein: das ist mehr als eine übliche Lobrede. In dem Zusammenhang, wo alles so hoch offiziell vor sich geht und wo alles x-mal überlegt wird, war das ja nun doch tatsächlich eine ganz außergewöhnliche Legitimierung, eine Rehabilitierung.

Er ist fertig mit dem Verlesen. Dann antworte ich darauf – in Latein. Es sind im Wesentlichen drei Gedanken gewesen:

Erstens:
Ich würde ihm im Namen Schönstatts herzlich danken für alles, was er in überreicher Weise während seiner Regierungszeit für Schönstatt getan, vor allem dass er mich rehabilitiert habe. Also sehr deutlich. Ich muss Ihnen auch gestehen: ein Gnadengeschenk hätte ich nie angenommen. Sie müssen mir verzeihen, dass ich das so klar sage. Das verlangt an sich die Ehre der Familie. Das hat mit Gnadengeschenk nichts zu tun. Das muss ein offizieller Rechtsakt der Rehabilitierung sein.

Nachdem die Dinge sich so gelöst hatten und nachdem der Kardinal Ottaviani mir als erster durch ein Telegramm zu meinem Geburtstag gratuliert hatte – stellen Sie sich das einmal vor! -, habe ich aber nie daran gedacht, ihm einen Gegenbesuch zu machen, sondern habe ihm bloß schriftlich gedankt. Verstehen Sie, weshalb? Ich habe ihm auch nie ein Geschenk angeboten. Sonst bin ich leidenschaftlich „schwach“ im Schenken. Wenn Sie also etwas von mir haben wollen, und ich habe etwas, können Sie alles von mir haben: Nur dürfen Sie es nicht aus Rechtsgefühl haben wollen, dann kriegen Sie keinen Pfennig. Das habe ich grundsätzlich nicht getan. Wohl andern Männern aus Dankbarkeit etwas geschenkt, die sich von sich aus für meine Rehabilitierung eingesetzt haben. Erst nachher, als der Kardinal feierlich gegenüber Tacoli bekannt hatte – das ist etwas überaus Schönes -, es täte ihm aufrichtig leid, dass er, ohne sein Gewissen persönlich subjektiv befleckt zu haben, Werkzeug gewesen wäre, mir jahrelang schrecklich Unrecht zu tun, jetzt hätte ich ihn besuchen können. Aber jetzt war der Fall ja an sich erledigt. Es gibt ja auch ein gesundes Rechtsgefühl. Man steht ja nicht nur allein da, man steht so als Exponent einer Familie da.

Zweitens:
Ich verspreche dem Papst im Namen der ganzen Familie, mich mit der Familie dafür einzusetzen, dass die postkonziliare Sendung der Kirche möglichst vollkommen verwirklicht würde. Nun fängt eine Disputation an. Das heißt, ich habe absichtlich beigefügt: sub tutela matris ecclesiae, unter dem Schutze der Gottesmutter als der Mutter der Kirche. Nun ist das offenbar sein Lieblingsgedanke gewesen. Er meinte dann: Ja ja, matre ecclesia. No, sag‘ ich, nein, nein! Es heißt hier: sub tutela matris ecclesiae! (157) Ja, sagt er, Sie haben recht.

Drittens:
Zur Bestätigung und Verewigung dieses Versprechens wollte ich ihm hier den Kelch bringen – Sie kennen den Kelch – als ein Geschenk für die neue Kirche, die geplant sei unter dem Titel „Matri Ecclesiae“. Ich habe dann aber beigefügt: a matre ecclesia, in matre ecclesia und pro matre ecclesia.

Damit war die Audienz aber noch nicht zu Ende. Sie sehen also, gemessen an all dem andern, was vor sich ging, etwas ganz Außergewöhnliches. Wie ich ihm den Kelch hinreiche – Sie sehen gerade, wie die Prälaten um ihn herum, auch hineilen, um den Kelch zu sehen. Natürlich habe ich auch das zunächst wiederum als eine diplomatische Geste aufgefasst. Aber immerhin, im Rahmen des Ganzen hat es doch einen tiefen Sinn – fing er noch einmal an, ganz leise, und meinte, ich würde ja den Bischof Manziana kennen. Das war sein Freund, ein Italiener. Er war in Dachau. Ihm hatte ich damals das Leben gerettet. Als ich aus Dachau nach Hause kam und die Absicht hatte, meine Weltreisen anzufangen, war es damals für einen Deutschen unmöglich, über die deutsche Grenze hinaus zu kommen. Damals hat Manziana mir einen vatikanischen Diplomatenpass von Montini – später Paul VI. – besorgt und so konnte ich meine Auslandsreisen machen.

Ja, antwortete ich, den würde ich gut kennen. Und der hätte, sagte der Papst, so viel Lobenswertes von mir zu erzählen gewusst. Er hat das dann im einzelnen alles dargestellt. Und dann war die Audienz zu Ende.

Ich werde dann herausgeleitet als der letzte. Und draußen warten dann so und so viele auf mich.

Das war also am 22. Dezember. Am 23. Dezember hatte der Kardinal Antoniutti eine Privataudienz beim Papst. Er kommt dann zurück, ruft mich an – ganz freundschaftlich, also nicht durch die andern Instanzen, sondern unmittelbar telefonisch – und teilt mir mit, er hätte eine Audienz beim Papst gehabt, ich sollte jetzt gut zuhören: der Papst gebe mir die Erlaubnis, nach Deutschland zu fahren. Die einzige Einschränkung, die noch aus taktischen Gründen bestand, war damit zunächst einmal kraft unmittelbarer päpstlicher Gewalt aufgehoben. Also ich dürfte hinfahren, sollte mich aber abhängig wissen vom Bischof von Münster. Das war wieder ein diplomatischer Kunstgriff, der üblich ist. Sie wollten dafür die Verantwortung anderen Autoritäten zuschieben. Ich sollte also in Abhängigkeit vom Bischof von Münster meine Geschäfte lösen. Und dann könnte ich ja wieder nach Rom zurückkommen. Und da ich an sich mit diplomatischen Dingen nicht viel zu tun haben will, frage ich schnell: Wie ist das gemeint: „könnte“ oder „sollte“? Im gleichen Augenblick fällt mir aber ein: Du musst jetzt diplomatisch reden; und dann habe ich, weil er das nicht gleich verstanden hatte, gleich gesagt: Ja, ich komme dann wieder, acht Tage nach dem Fest, also nach dem Fest der Erscheinung des Herrn.

Damit war der Fall erledigt.
Wissen Sie’s jetzt? Das sollte bloß eine kleine Abwechslung für Sie sein.
Sonst hätte ich Ihnen gern alles viel systematischer dargestellt.


Eckdaten

22.10.1951
P. Kentenich muss Schönstatt verlassen. Ankunft in Milwaukee 21.6.1952

31.10.1961
Freimütiger Brief an P. Möhler, der harte Maßnahmen des Hl. Offiziums zur Folge hatte, darunter auch die Kirchenstrafe für P. Kentenich: Privatexerzitien machen und drei Tage nicht zelebrieren.

11.10.1962
Beginn des Konzils

6.10.1964
Dekret der Trennung des Schönstattwerkes von den Pallottinern

13.9.1965
Ein Telegramm ruft Pater Kentenich nach Rom. Der englische Wortlaut: „In the name of Fr. General immediately come to Rome/>/>, Burggraf“.

17.9.1965
Um 13.45 Uhr Ankunft Pater Kentenichs in Rom-Fiumicino. Die Überraschung im Generalat der Pallottiner: Niemand hat das Telegramm geschickt.

18.9. 1965
Prälat Wissing erreicht, dass Pater Kentenich von der Casa Pallotti, dem Generalat der Pallottiner, in das Generalat der Steyler umziehen kann.

24.9. 1965
Pater Möhler, der General der Pallottiner, erreicht im Gegenzug, dass Pater Kentenich wieder in die Casa Pallotti zurückkehren muss

11.10. 1965
Privataudienz von Prälat Wissing bei Papst Paul VI. Der Papst wirft sehr gefährliche Fragen auf: sollte das Schönstattwerk nicht getrennt und zwei verschiedenen Kongregation der römischen Kurie unterstellt werden? Sollte die Gründung der neuen Pars Motrix nicht rückgängig gemacht werden? Müsste der Gründer nicht wieder zurück nach Milwaukee?
Prälat Wissing ist nach der Audienz ganz geschlagen. Pater Kentenich interpretiert ganz anders: der Papst will uns eine Gelegenheit geben, auf die Vorstöße der „Gegner “ eine Antwort zu geben.

20.10. 1965
In der Plenarsitzung des Heiligen Offiziums werden überraschenderweise alle Dekrete gegen den Gründer aufgehoben. Die Angelegenheit wird an die Religiosenkongregation zurückgegeben: „Res remittatur ad Sacram Congregationem de Religiosis“ Keine offizielle Mitteilung.

22.10. 1965
Kardinal Ottaviani, der Sekretär des Heiligen Offiziums, beim Heiligen Vater. Papst Paul VI. bestätigt den Beschluss und unterschreibt das Dekret. Entscheidungen über die „causa Fundatoris“ sind damit der Religiosenkongregation unterstellt.

26.10. 1965
Erster Besuch unseres Vater auf dem Schönstattgelände an der Via di Boccea, Belmonte.

13.11. 1965
Pater Kentenich stellt den Antrag, die Gesellschaft der Pallottiner zu verlassen und in die Diözese Münster inkardiniert zu werden. Er siedelt über in das Generalat der Mainzer Vorsehungsschwestern.

15.11. 1965
P.General Möhler und P.Weber kommen ins Generalat der Mainzer Vorsehungsschwestern und überreichen unserem Vater die Dispens von den Versprechen in der Gesellschaft der Pallottiner. Damit tritt P. Kentenich aus der SAC aus.

16. 11. 1965
Feier des 80. Geburtstags Pater Kentenichs mit führenden Vertretern der Schönstattfamilie und der Kirche. Bischof Josef Höffner überreicht die Urkunde zur Inkardinierung unseres Vaters in die Diözese Münster. Die Inkardinierung erfolgt „pure et simpliciter“, also ohne Probezeit.

17.11. 1965
Beginn der „Rom-Vorträge“ für die versammelten Mitglieder der Schönstattfamilie.

8.12. 1965
Feierlicher Schlussakt des 2.Vatikanischen Konzils in der Petersbasilika. Unser Vater hält einen programmatischen Vortrag zur „symbolhaften Grundsteinlegung“ eines künftigen Romheiligtums.

22.12. 1965
Audienz bei Paul VI.

24.12. 1965
Heimkehr nach Schönstatt: Wunder der Heiligen Nacht. Mitternachtsmesse im Urheiligtum.

13.1.1966
Rückkehr nach Rom

11.2.1966
Endgültige Rückkehr nach Deutschland ohne Einschränkungen. Bischof Höffner: der Herr Pater bleibt der „Herr Pater“ und kann sich frei niederlassen, wo er will.


Noten

(147) Zwischen Prälat Ludwig Kaas (1891-1952) und P. Kentenich entstand eine lebenslange Freundschaft als beide, zum Militär eingezogen, im September/Oktober 1916 in Reservelazarett Trier Dienst tun mussten – bis sie dann beide aus dem Militärdienst entlassen wurden. Prälat Kaas ging zunächst in die Politik und wurde 1928 Vorsitzender der Katholischen Volkspartei. Ab 1933 arbeitete er bis zu seinem Lebensende in der römischen Kurie.
(148) die heutige Glaubenskongregation
(149) „Gleichsam päpstlichen Rechtes“. Das Errichtungsdekret war deshalb kein „Decretum laudis“, sondern ein „Prodecretum laudis“
(150) Auf vier lange Dokumente sei hingewiesen: 1954 der „Zwanzigerbrief“, ab 1955 die „Chroniknotizen“, ab 1957 die „Chroniknotizen fürs Archiv“, und 1956 der „Generalsbrief“ an P. Wilhelm Möhler.
(151) P. Adalbert Turowski, aus Polen, war Generaloberer der Pallottiner von 1947 bis 1953. P.Kentenich hat mit ihm einen umfangreichen Briefwechsel unterhalten. Der längste Brief wurde am 8.12.1952 begonnen; er umfasst 922 Seiten in der zweibändigen Ausgabe von P. Heinrich Hug: Nüchterne Frömmigkeit (Bd.1) und Vorsehungsglaube (Bd.2).
(152) P. Sebastian Tromp (1889 – 1975), ein holländischer Jesuit, wurde 1924 Professor für Fundamentaltheologie an der Gregoriana in Rom, später auch Konsultor des Heiligen Offiziums. Aus seiner Feder stammt die Enzyklika „Mystici Corporis“. Johannes XXIII. ernannte ihn 1960 zum Vorsitzenden und Sekretär der theologischen Kommission zur Vorbereitung des Konzils. Sein Einfluss in Rom und in der Kirche war deshalb sehr groß, bis die Konzilsväter in der ersten Session 1962 die vorliegenden Dokumente der römischen Kurie ablehnten.
P. Tromp wurde 1951 vom Heiligen Offizium zum päpstlichen Visitator des Schönstattwerks ernannt. Von Anfang an betrieb er – in Zusammenarbeit mit dem General der Pallottiner, P. Wilhelm Möhler – die Beseitigung P. Kentenichs und die völlige Eingliederung Schönstatts in das pallottinische Werk, was implizit die Leugnung der Wesenselemente Schönstatts bedeutete. Obwohl Pius XII. am 3.8.1953 die päpstliche Vision beendete, betrieb P. Tromp weiterhin seine Politik gegen Schönstatt.
(153) Apologia pro vita mea, (begonnen am 11.2.1960), veröffentlicht unter dem Titel “Zum Goldenen Priesterjubiläum”, Sion Patris 1985, 225 Seiten.
(154) Prälat Joseph Schmitz (1900 – 1986), Diözesesanpriester aus Münster und seit seiner Theologenzeit Mitglied der Schönstattbewegung, war bekannter Frauenseelsorger in Deutschland: Mitarbeiter im Zentralverband in Düsseldorf ab 1932, nach Auflösung des Verbandes durch die Gestapo 1939 Präses der Frauen und Mütter in Münster. Als P. Kentenich 1945 den Verband der Diözesanpriester gründete, ernannte er Prälat Schmitz zu dessen ersten Generalrektor. Von Bischof Keller freigestellt, siedelte Prälat Schmitz 1952 in die Marienau in Schönstatt um und betreute auch die Liga und den Bund der Diözesanpriester als Bundespräses und wurde somit Vertreter der Priestergemeinschaft im Generalpräsidium. Aufgrund der oben erwähnten Vorgänge wurde er Ende November 1962 abgesetzt. Mit dem Ende der Exilszeit des Gründers wurde auch Prälat Schmitz implizit rehabilitiert und wirkte von der Marienau aus für die Schönstätter Priestergemeinschaften bis zu seiner schweren Erkrankung 1984.
(155) Prälat Heinrich Roth wurde mit Billigung des Heiligen Offiziums 1959 Generalsassistent der Schönstätter Marienschwestern. Wegen der gespannten politischen Situation bemühten sich die Schwestern um einen wohlwollenden Priester, der nicht zu Schönstatt gehörte, in der Sorge, dass ein Schönstätter keine Bewilligung für dieses Amt bekäme. Auch der an sich neutrale Prälat Roth, der im Generalpräsidium nur redlich die Interessen der Schwestern vertrat, wurde im März 1962 abgesetzt.
(156) Augustin Kardinal Bea (1881 – 1968), ein Jesuit, war Professor für Altes Testament und zeitweise Provinzial seiner Gemeinschaft. Er wurde 1949 Rektor des Bibelinstituts in Rom und Konsultor des Heiligen Offiziums, 1959 Kardinal. Während der Exilszeit Pater Kentenichs war er verschiedentlich mit der Schönstattfrage befasst und versuchte zu vermitteln.
(157) Vermutlich „sub matre ecclesia“, was bedeuten würde, das Konzil solle sich verwirklichen unter dem Schutz der Mutter Kirche. P. Kentenich betont aber:… unter dem Schutz der Mutter der Mutter Kirche.


* Der Text -Einleitung, Pater Kentenichs Darstellung und Eckdaten- ist dem “Kentenich Reader 1” entnommen, herausgegeben vom “Josef-Kentenich-Institut“.
Er wurde ursprünglich in der Sammlung veröffentlicht: Propheta Locutus est, Band III, Seite 121 – 147.